Frau im Dunkeln

Im Februar war ich im Kino zum Film von Maggie Gyllenhaal „The lost daughter“ („Frau im Dunkeln“). Wie eine Satire des Schicksals – es war der erste Film nach der Geburt meiner Tochter und ausgerechnet über ein ambivalentes Mutterverhalten. Eine Filmadaption des Romans von Elena Ferrante. Ich könnte ahnen, dass Ferrante keine einfache Unterhaltung ist.

Es ging um eine 48-jährige Professorin aus den USA, die einen Arbeitsurlaub in Griechenland macht. Am Strand beobachtet sie eine junge Mutter mit einer kleinen Tochter. Das weckt ihre Erinnerungen an ihre eigene Mutterschaft. Als junge Akademikerin und Mutter von zwei Mädchen verlässt sie die Familie für drei Jahre. Für einen anderen Mann. Für die Karriere. Für sich.

Bereut sie es? Eher nein. O-Ton: „It was amazing“. Oder doch ein wenig. Oder doch viel. Sie ist „keine natürliche Mutter“. Oder doch natürlich, indem sie ihre eigene Natur akzeptiert, dass Kindergroßziehen und der Haushalt, dieses Schwarze Loch, nicht für sie sind. Leda, die Hauptfigur, brillant gespielt von Olivia Coleman, ist ein großes Fragezeichen. Den Roman schrieb Elena Ferrante in der ersten Person, der Film erzählt aus der Perspektive dritter Person. Das heißt, wir haben keinen Zugang zur Innenwelt von Leda. Und das ist schwierig. Das war wie eine chaotisch gemixte Gefühlssuppe – mit jedem Löffel erkennst du eine neue Zutat schwimmen.

Ich glaube aber, dass Leda alles gleichzeitig empfindet. Stolz und Schuld, es getan zu haben. Unbegrenzte und begrenze Liebe zu ihren Kindern. Freiheit von gesellschaftlichen Konventionen und ein späteres emotionales Gefängnis für ihre Ablehnung. Es ist guter Film, etwas anzusprechen, was existiert, aber in der Kinematografie und im sonstigen Leben kaum ausgesprochen wurde: Es gibt viele Formen der Mutterschaft.

Ich spreche hier nicht von einem Meinungs-Jihad: natürliche Geburt über Kaiserschnitt, Muttermilch über Flaschennahrung, häusliche Kindererziehung über KiTa, Montessori über iPad. Es ist über grundlegende Dinge. Liebt eine Frau ihre Kinder? Wie intensiv? Wie viel ist sie bereit zu opfern für die Kinder? Bereut sie, Kinder bekommen zu haben? Die Antworten darauf liegen auf einem Spektrum, auf einem bunten langen Teppich, wo alles möglich ist.

Wo alles möglich ist, ist eins fehl am Platz. Urteilen. Ich weiß selbst, wie schnell es geht, zu werten, anstatt nur wahrzunehmen. In der Filmszene, als Ledas Töchter bei ihrem kurzen Besuch sie anflehen zu bleiben, atmete ich schwer. Es soll einen Sinn geben. Genau für diese Person Leda, genau in diesem Moment, in dieser Situation und bei dieser familiären Konstellation. Ich sehe ihn nicht, sie – hoffentlich – schon. Und wenn es wider Sinn war, dann ist nur ihre Sache, die sie mit ihrem eigenen Gewissen zu klären hat.

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